Raw Power Lebe ungewöhnlich!

20/03/2010

Pleiten, Pech und keine Pannen

Samstag, 20. März 2010 (Gran Canaria)

Heute morgen bin ich tatsächlich ohne Wecker früh genug aufgewacht. Nach 10 Stunden Schlaf war das allerdings auch keine große Kunst! ;-) Der Start des Gran Canaria Bikemarathons war auf 09.00 Uhr in Maspalomas angesetzt und ich hatte noch zwei ordentliche Laufpassagen und knapp 600 Höhenmeter per pedes und auf dem Bike vor mir. Um 07.23 Uhr bin ich aus dem Barranco gestartet und um 08.33 war ich am Anmeldestand.

Dort habe ich dann erfahren, dass die Anmeldung am Vorabend um 20.00 Uhr geschlossen hatte und die bei Mountainbikerennen übliche Nachmeldemöglichkeit durch den Kanarischen Verband aufgehoben wurde. Na prima! Gewundert hat mich das aber nicht und geärgert habe ich mich auch nicht.  Denn der kanarische Verband hat sich für dieses Jahr einige interessante neue Regeln einfallen lassen, die ihm die Aktiven nicht gerade in die Arme treiben werden. So hat er zum Beispiel auch die “Tageslizenz” bei Cross-Country Rennen ersatzlos gestrichen und damit allen Hobbyfahrern eine vor den Latz geknallt. Nach dem Motto: “Wie? Du hast keine spanische Lizenz? Selbst schuld! Tschüß!”

Mir egal … ich bin hier um aus jeder Situation das Beste für mich zu machen und um mein Leben zu genießen. Deshalb habe ich mich 500 Meter nach dem Start an den Streckenrand gestellt und gewartet, bis das Fahrerfeld vorbeikommt, um mich am Schluß einzureihen und das Rennen als “Tourist” mit zu fahren. Damit erscheine ich zwar nicht in der Ergebnisliste … aber wen interessiert schon die Ergebnisliste? Und als ich da so gemütlich mit den anderen Hobbybikern durch die Gegend rollte, kam plötzlich das Rennfieber wieder. Herrschaftszeiten, wie ich das vermißt habe! (Jetzt habe ich gerade Freudentränen in den Augen.)

Also habe ich meinen Motor warm laufen lassen und drei oder fünf Gänge runtergeschaltet um an die Spitze des Feldes zu fahren. Schnell Radfahren ist einfach ein wunderschönes Gefühl! Nach ein paar Minuten war ich vorne angekommen und habe alte Bekannte getroffen. Michael Kalivoda zum Beispiel. Ein sympathischer Verrückter, der 24-Stunden-Rennen so ausdauernd und erfolgreich fährt, dass er in dieser Disziplin gerne auch mal mit ein paar Runden Vorsprung Weltmeister wird. Irgendwann werde ich das vielleicht auch noch einmal ausprobieren. :-) Kurz vor dem ersten Anstieg habe ich Michael gebeichtet, dass das Tempo für mich schon recht hoch ist und ihn dann ziehen lassen. Am Schluss wurde er Vierter auf der Langdistanz. Respekt!

Mir war schon vorher klar, dass ich heute nicht mehr als die Mitteldistanz mit 50 Kilometern und knapp 1000 Höhenmetern schaffen würde. Mein Anfangstempo war einfach zu hoch und in den Abfahrten habe ich immer noch mein geprelltes Handgelenk gespührt. Deshalb habe ich weder attakiert, noch meine Beine hängen lassen, sondern das Rennen einfach als tolle, weil schnelle Trainingseinheit mitgenommen. Während dem Rennen habe ich zu meinem großen Erstaunen festgestellt, dass ich in Laufpassagen beinahe doppelt so schnell wie meine Mitstreiter war. Früher fühlte ich mich beim Laufen mit geschultertem Bike derart verloren und platt, dass ich froh war, wenn ich nicht absteigen musste. Heute wäre es mir am liebsten gewesen, die Laufpassagen hätten gar nicht mehr aufgehört. Leben und Training im Barranco scheinen erste Früchte zu tragen. Ich freue mich schon auf Rennen bei denen ich diese neu gefundene Stärke einsetzen kann!

Unterwegs habe ich mindestens fünf Rennfahrer überhohlt, die am Streckenrand standen und ihre Platten reparierten. Das Gelände auf Gran Canaria ist, ganz im Gegensatz zum Klima, verdammt hart und rau. Es verzeiht einem nicht einmal den kleinsten Fahrfehler. Bei meinen Ausfahrten habe ich nicht nur die üblichen Kaktusstacheln in den Reifen, sondern (von den scharfen Steinen) seitlich komplett aufgeschlitzte Mäntel gesehen. Einen Sturz mit zwei Bikern gab es einige Meter vor mir leider auch. Durch das viele Geröll und viele grobe Schotterpassagen ist das Gelände hier selbst in einfacheren Abschnitten auch für die einheimischen Fahrer nur sehr schwer einzuschätzen. Für mich ist das eine gute Möglichkeit, um meine bescheidenen Fahrtechnikkünste weiter auszubauen.

Ganz zum Schluss des Rennens habe ich noch einen sympathischen Niederländer (oder Belgier?) in meinen Windschatten genommen und ihm geholfen, eine Gruppe vor uns zu erreichen. Der Arme hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Platten reparieren müssen. Während dieser Hilfe habe ich mich komplett leergefahren und ihn deshalb frohen Mutes und in der Hoffnung, dass er die Gruppe vor uns noch erreicht, ziehen lassen. Er zog so erfolgreich von dannen, dass er die Gruppe tatsächlich noch erreichte und als Fünfter ins Ziel kam.

Ich selbst bin kurz vor der Zieldurchfahrt abgebogen, um als Fahrer ohne Startnummer nicht für allzuviel Verwirrung bei der Rennorganisation zu sorgen. Ich dürfte mit einigen Minuten Rückstand um Platz 8 gelegen sein. Das weiß ich aber erst, wenn die Ergebnisliste online ist und ich die Mitstreiter um mich herum wiederfinde. :-)

(Und tatsächlich finde ich in den Ergebnissen der Mitteldistanz Kris De Nef auf Platz 5. Ich habe meine Zeit mit 2 Stunden und 4 Minuten gestoppt … es dürfte also zumindest für Platz 7 gereicht haben … und die 10 Minuten Abstand zur Spitze versuche ich durch vier Wochen Spezialtraining aufzuholen. Ich bin schon sehr gespannt, ob das klappt, denn in vier Wochen geht es um den Kanarischen Meistertitel im Mountainbike Marathon.)

Ich hatte während dem Rennen unheimlich viel Spaß und viele schöne Momente. Für eine Spitzenplatzierung fehlt mir allerdings noch der letzte Kick. “Zufällig” bin ich in der vergangenen Woche auf eine Trainingsform aufmerksam geworden, die nicht nur die Kraft, sondern auch die Sauerstoffaufnahme maximiert.  Ich werde deshalb versuchen, diese Trainingsvariante in den kommenden Wochen zu integrieren und berichten, wie es mir damit geht. Ich bin schon sehr gespannt, da alleine das Lesen der Trainingsbeschreibung große Qualen bei mir verursachte. ;-)

Da ich nicht so gerne schreibe, sondern lieber rede ;-) plane ich in Zukunft per Video von meinem Leben, meinem Training und meiner Ernährung zu berichten. Ich halte mein Leben zwar für vollkommen normal, aber von außen bekomme ich immer wieder den Hinweis, dass es doch eher ungewöhnlich wäre … . Derzeit fehlt mir dazu noch eine Helmkamera und Videoschnittkompetenz. ;-) Letzteres werde ich lernen und die Helmkamera werde ich mir ebenfalls zulegen. Vielleicht bekomme ich dafür ja die ein oder andere Spende von euch? :-)

Lebt ungewöhnlich!
- Stefan

PS. Im Frühjahr (ab Ende April) und im Spätsommer (ab August) plane ich einige Wochen Deutschland-, Österreich- und Italientour mit Besuchen bei Rohköstlern samt Interviews und Dokumentarfilm über eine rohköstliche Alpenüberquerung. Falls mir in diesen Zeiträumen jemand ein Wohnmobil leihen kann, freue ich mich sehr über eure Hilfe! :-)

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